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Geschrieben von: F. Klehr und B. Merling   
Freitag, den 18. September 2009 um 13:52 Uhr

Lieber Götz V.,

zunächst einmal vielen Dank für das Feedback. Bitte entschuldige, dass es bis zu dieser Antwort so lange gedauert hat. Selbstverständlich wurde dieser Beitrag in der Redaktion diskutiert, und da wir alle Freizeitredakteure sind, dauert sowas dann immer etwas Zeit.

Dein Text über schuldenbasierte Geldschöpfung als Ursache der Krise ist eine gute Zusammenfassung der charakteristischen Thesen der sogenannten „Zinskritiker“.

Das Problem bei dieser Art von Kapitalismuskritik ist das fehlende Verständnis für elementare wirtschaftliche Zusammenhänge, insbesondere des Zusammenhangs zwischen Geldschöpfung und Wertschöpfung sowie zwischen Finanzwirtschaft und Realwirtschaft.

Es werden alle Probleme auf das Geldsystem zurückgeführt, dessen Funktionsweise nicht verstanden wird, so dass eine grundsätzlich berechtigte Sorge über spürbare Fehlentwicklungen in unsinnige Verschwörungstheorien mündet, die keinerlei realistische Lösungsansätze bieten.

Dieses Verständnis kann man nicht bei jedem voraussetzen, der sich noch nicht mit Volkswirtschaft und politischer Ökonomie ernsthaft befasst hat. Volkwirtschaftliche Zusammenhänge sind nicht einfach und da ist natürlich so ein Filmchen, das scheinbar volkswirtschaftliche Zusammenhänge auf so einfache Micky-Maus-Art zu erklären scheint herzlich willkommen. Doch jeder, der sich mit Volkswirtschaft und politischer Ökonomie befasst, erkennt sofort, dass das, was da erklärt wird größtenteils genauso falsch ist, wie meine damalige Erklärung für meine kleine Tochter, dass beim Fax (damals gab es ja noch das Rollenpapier) das Papier zusammengerollt, durch das Kabel geschoben und am anderen Ende wieder aufgerollt wird. Deshalb ist das angekommene Fax ja auch immer so gerollt. Die hat mir das damals mit ihren drei Jahren schon nicht geglaubt!

Zunächst muss man verstehen, dass dem Geld keinerlei Eigenwert innewohnt, sondern dass es als Tauschmittel lediglich reale Werte symbolisiert, ohne selbst einen zu haben. Es ist ein reines Zeichen, dessen Bedeutung und Akzeptanz aus gesellschaftlichen Übereinkünften resultiert.

Es ist also völlig egal, von wem das Geld „erschaffen“ wird. Es wäre völlig wertlos, wenn es nicht in Relation zu einer realen Wertschöpfung stehen würde.

Die reale Wertschöpfung erfolgt nur durch Arbeit.

Die Erzeugung von Mehrwert ist das Grundprinzip der kapitalistischen Produktion.

Aus einer investierten Summe X wird im kapitalistischen Produktionsprozess die Summe X + M, wobei M für den durch den Produktionsprozess erzeugten Mehrwert steht, X für das für die Produktion notwendige Kapital.

Um also einen Mehrwert produzieren zu können, ist zunächst einmal Kapital nötig, das investiert werden kann. Da aber nicht jeder potentielle Investor das nötige Kapital unter dem Kopfkissen liegen hat, gibt es die Kreditwirtschaft: der Investor kann sich das für die Produktion benötigte Kapital von einer Bank leihen und damit einen Mehrwert produzieren; das heißt einen Gewinn erzielen. Die Bank verlangt für das vorgeschossene Kapital einen Anteil an diesem Gewinn: das ist der Zins. Die Bank erhält ihrerseits das überschüssige Kapital von Kapitaleignern, die dieses zur Zeit nicht in eigene Unternehmungen investieren wollen. So steht es den investitionswilligen Unternehmen zur Verfügung, die es in den Produktionsprozess investieren können. Natürlich wollen auch die Geldgeber einen Anteil an dem Gewinn; deshalb zahlt ihnen die Bank einen Zins, der natürlich niedriger ist als der Zins, den die Bank ihrerseits aus dem Gewinn des Investors erhält, sonst würde die Bank ja nichts verdienen und natürlich will sie auch für ihre Dienstleistung bezahlt werden.

Ohne Kredit und Zins kann der kapitalistische Produktionsprozess in einer hochentwickelten Industriegesellschaft überhaupt nicht funktionieren. Die Wirtschaft würde zusammenbrechen.

Tatsächlich sind die von einer Bank vergebenen Kredite normalerweise höher als die Summe der bei ihr deponierten Einlagen. So wird durch Kreditvergabe tatsächlich Geld neu geschaffen. Dieser Vorgang ist für viele Laien zunächst einmal verwirrend.

Er ist aber notwendig, damit überhaupt ein Wirtschaftswachstum stattfinden kann.

Durch den Produktionsprozess werden ständig neue Werte geschaffen, es findet ein Wachstum statt. Also muss auch die Menge des Geldes wachsen, welches diese Werte als Tauschmittel repräsentiert. Diese notwendige Geldvermehrung wird möglich, indem die Banken Kreditgeld als Vorschuss auf eine zukünftige Wertschöpfung vergeben, die durch die Investition dieses Kreditgeldes möglich gemacht wird. Es handelt sich also keineswegs um eine Geldschöpfung „aus dem Nichts“, denn eine Bank vergibt Kreditgeld natürlich nicht ohne Voraussetzungen. Sie fordert von ihrem Kreditnehmer Sicherheiten.

Sie kann Kreditgeld auch nicht in unbegrenzter Höhe vergeben sondern muss dabei bestimmte Regeln beachten, die in der sogenannten Basel-2-Übereinkunft festgelegt sind.

Allerdings haben sich diese Regeln durch den spekulativen Handel mit Kreditderivaten als unzureichend erwiesen, denn dadurch ist in der Tat eine spekulative Blase von fiktivem Kapital entstanden, deren Platzen zur gegenwärtigen Krise geführt hat. Diese Blase entstand aber nicht durch Zins und Zinseszins, sondern durch Spekulation. Spekulation ist im Grunde genommen eine Wette. Ich kaufe mir heute eine Ware (oder ein Papier, mit dem ich einen Anspruch auf die Ware erwerbe) und wette, dass dieses Produkt in ein paar Monaten doppelt so viel wert ist. Finde ich nach Fristablauf einen Dummen, der mir das Produkt dann zu dem Preis abkauft, hab ich die Wette gewonnen. Andernfalls ist mein Wetteinsatz futsch.

Die Forderung nach einer stärkeren Regulierung und staatlichen Kontrolle des Finanzmarktes ist also durchaus vernünftig und berechtigt.

Sie kann sich aber nicht auf die unsinnigen Ansichten der „Zinskritiker“ stützen, die überhaupt nicht verstehen, wie Wirtschaft eigentlich funktioniert.

Die Kombination aus berechtigtem Unmut über reale Missstände und völlig falschen, teilweise dummen und kindlich naiven Vorstellungen über deren Ursachen ist es, was die Infokrieger, Zinskritiker und sonstige Verschwörungstheoretiker so gefährlich macht: sie lenken mit ihren Theorien berechtigte Unzufriedenheit in eine Sackgasse, die nicht zu realen Lösungsansätzen, sondern zu totalem Realitätsverlust führt, welcher letztlich in fanatischer Verblendung und aggressivem Sektierertum endet.


Zum besseren Verständnis finanzwirtschaftlicher Zusammenhänge empfehlen wir z.B. den Artikel des Volkswirtschaftlers Dr. Axel Troost „Inflation – warum es darauf ankommt, wo das Geld hinfließt“.

Falls Du noch Fragen oder Anregungen hast, teile sie uns bitte mit.

Vielleicht lässt sich diese Diskussion zu einem neuen Artikel verarbeiten, denn es gibt ja leider viele, die den irrigen Thesen der „Zinskritiker“ auf den Leim gehen.


Mit besten Grüßen

im Namen der Redaktion

Friedrich Klehr und Bernd Merling

 

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