|
Schmitt feiert Gesell unter dem Titel "Geldanarchie und Anarchofeminismus" als Nachfolger Proudhons.
Besonders schätzt Schmitt die Freiland-Idee: Der gesamte Boden solle von einem "Bund der Mütter" verwaltet und an Meistbietende verpachtet werden. Die Pachteinnahmen gehen an die Mütter und ihre Kinder. Gesell habe dies als Beitrag zur "biologischen und kulturellen Fortentwicklung der Menschheit" verstanden, als Möglichkeit den potentiellen Vater auch unter eugenischen Gesichtspunkten auszuwählen. "Immerhin ist dieser Gedanke einer für die Gesunderhaltung des Erbguts und für die Evolution der menschlichen Art vorteilhaften und von den betroffenen Individuen selbstbestimmten Eugenik eine diskutable Alternative zu den auf uns zukommenden, von Staat und Kapital fremdbestimmten Genmanipulationen", schreibt Schmitt. (Schmitt, Geldanarchie und Anarchofeminismus, in: Silvio Gesell - Marx der Anarchisten?, a.a.O., S.129) Mit Rassismus habe dies nichts zu tun, behauptet Schmitt. In Gesells Roman "Der abgebaute Staat", auf den er sich bezieht, wird die Utopie einer Frauenkommune entworfen, deren Bewohnerinnen vielfache sexuelle Beziehungen unterhalten. Schmitt schreibt dazu: Ihre Kinder stammen von verschiedenen Vätern "hoher physischer und psychischer Qualität ab, und zwar von Männern aus den verschiedensten Völkern und Rassen der Erde! Es geht hier also nicht um die ,Aufnordung’ einer bestimmten Rasse, wie es die NS-Rassisten vorhatten, sondern um die Fortentwicklung der gesamten Gattung Mensch." (ebd., S.131)
Leider, fährt Schmitt fort, seien die "ausdrücklich staatsfreien und naturverbundenen Eugenik- und Wahlzuchtvorstellungen... heute in linken Kreisen äußerst verpönt". Die Kritik der Linken schiebt er einer "lust- und lebensfeindlichen, aus christlich-masochistischer Moral gespeister Ideologie" zu. Dabei sollten wir zur Kenntnis nehmen, daß "durch den Schutzraum der Kultur (ist) der Ausleseprozeß ausgeschaltet, die weiterwirkenden Mutationen führen jedoch zur überwiegend negativen Veränderung der menschlichen Natur: zu Domestikationserscheinungen". Genauso formulierte schon 1943 der Nazibiologe Konrad Lorenz, bei dem sich Schmitt im nächsten Absatz auch bedankt. (ebd., S.241 f., Anmerkung 11) |