| Wie faschistisch sind die Infokrieger? |
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| Geschrieben von: Friedrich Klehr |
| Mittwoch, den 03. Juni 2009 um 21:17 Uhr |
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Die schmutzige Flut verschwörungstheoretischer Agitation, die von allerlei Spinnern und Sektierern im web 2.0 unter Selbstbezeichnungen wie „Infokrieger“ u.ä. verbreitet wird, hat mittlerweile unübersehbare Ausmaße angenommen. Trotz der scheinbar dezentralen Form der Verbreitung in unzähligen Blogs und Foren handelt es sich um einen erstaunlich homogenen Diskurs. Dieser weist zahlreiche Strukturelemente auf, die sich auch schon im klassischen Faschismus finden: Die mit berückender Einfachheit scheinbar alles kohärent erklärende Kraft dieses mythischen Deutungsmusters bietet einen Ausweg aus der frustrierenden Mühseligkeit und Unzulänglichkeit rationaler Erklärungsversuche angesichts einer zunehmend unübersichtlichen und undurchschaubar erscheinenden Welt.
- gnostischer Mystizismus: Die seelische Befreiung aus Orientierungslosigkeit und Verzweiflung erfolgt durch die Einweihung in den alles erklärenden Mythos. Dieser wird aber nicht einfach verkündet, sondern mittels manipulativer Techniken (wie z.B. dem Stellen von Suggestivfragen) wird versucht die Intuition des zu Initiierenden so zu lenken, daß er "von selber" darauf kommt. Die befreiende Wahrheit soll nicht einfach geglaubt, sondern "geschaut" werden. Daraus ergibt sich eine Intensität der sujektiven Überzeugung, die die Infokrieger gegen rationale Kritik völlig immunisiert. Jeder Kritiker gilt ihnen als verblendeter Unwissender oder böswilliger "Wahrheitszerstörer". Der quasireligiöse Charakter dieses Verschwörungsglaubens führt bei vielen seiner Anhänger zu einem aggressiven, sektenartigen Fanatismus.
- Irrationalismus: Da letztlich jedes Ereignis als Resultat geheimer Machenschaften gedeutet wird, gelten „natürliche“ Erklärungen auf der Grundlage von Vernunft und Wahrscheinlichkeit als suspekt, entweder als Resultat einer von den geheimen Mächten im Hintergrund gewollten Täuschung oder als von ihren Agenten bewußt in die Welt gesetzer Teil ihrer Täuschungsstrategie. Da jede Information als potentiell von den "Mächtigen" manipuliert gilt, sucht der „Wissende“ stets nach „alternativen“ Erklärungen, wobei auf Intuition und Spekulation als Erkenntnisinstrumente zurückgegriffen wird. Eine Erklärung gilt als um so glaubwürdiger, je „alternativer“ sie ist, d.h. je mehr sie von dem abweicht, was allgemein als intellektuell akzeptabel gilt („Mainstream“). Je abwegiger, desto anziehender. Hauptsache die Story stützt den Mythos von der Weltverschwörung. So schlägt ein paranoider Skeptizismus um in eine blinde Glaubensbereitschaft und letztlich in finstersten Aberglauben. Am Ende schrecken die Verschwörungstheoretiker nicht davor zurück, Glaubwürdigkeit vorzutäuschen, indem sie auf Lügen und Manipulation zurückgreifen und damit genau das tun, was sie den von ihnen angeblich bekämpften „dunklen Mächten“ unterstellen. Dabei sind die sensationsheischend aufbereiteten, teilweise aufwendig konstruierten (um nicht zu sagen an den Haaren herbeigezogenen) "alternativen" Erklärungen aller möglichen Tagesereignisse in ihrem Kern von ermüdender Eintönigkeit: alles Weltgeschehen wird (zum Unheil) gelenkt von einer bösen, verborgenen, zentralen Macht. Diese schlichte Botschaft ist das ganze "Geheimnis" hinter dem marktschreierischen Aufklärungsgehabe der "Infokrieger". Der Diskurs ist immer aggressiv, polemisch, suggestiv und setzt nicht auf nüchterne Reflektion und rationale Analyse, sondern auf das massive Schüren von Emotionen wie Angst und Wut und erzeugt damit einen Nährboden für Verzweiflung und Gewaltbereitschaft. Letztlich transportieren diese Texte eine Mentalität aus Welthaß und Lebensangst, die nicht nur an den Faschismus, sondern auch an die antike Gnosis erinnert. Diese Art von Reaktion auf die Erfahrung von Verwirrung und Unsicherheit in Zeiten von Krise und Umbruch ist also alles andere als neu. Allerdings erscheinen ihre heutigen Ausdrucksformen besonders plump und primitiv, wohl bedingt durch die niedrige Zugangsschwelle des Verbreitungsmediums.
Alles ist ihnen unheimlich und verdächtig. Die Welt erscheint diesen Neognostikern als eine permanente Manifestation der gefährlichen Macht des Bösen. - Demokratiefeindlichkeit: - pseudoemanzipatorischer Populismus und Umwertung von Begriffen: Das System der bürgerlichen Demokratie wird als "faschistisch" denunziert und der Kampf dagegen zum notwendigen Akt der Befreiung erklärt. Auf diese Weise erklären sich diese neuen Kryptofaschisten selbst zu Antifaschisten und weisen folgerichtig jeden Faschismusverdacht empört von sich. Die Naiven unter den Verschwörungsgläubigen meinen das sogar ernst. Manche von ihnen sehen sich subjektiv sogar als "eher links", fühlen sich als Teil der Antiglobalisierungsbewegung und verkaufen ihre NWO-Verschwörungstheorien als eine Form von Kapitalismuskritik. Leider wird heutzutage allzuoft vergessen, daß Kapitalismuskritik nicht per se als links gelten kann, sondern immer auch Bestandteil faschistischer Rhetorik war. Gerade in neuerer Zeit wird der Brückenschlag nach links zur Bildung einer "Querfront" in neofaschistischen Kreisen verstärkt propagiert und praktiziert. Die damit verbundenen scheinbaren Paradoxien werden durchschaubar, wenn man sich nicht von Begriffen irreführen lässt, sondern die tatsächlich im jeweiligen Kontext damit gemeinten Inhalte analysiert. Letztlich handelt es sich bei diesem Etikettenschwindel um eine taktische Notwendigkeit, um faschistisches Gedankengut trotz der Erinnerung an seine katastrophalen Folgen im 20. Jahrhundert wieder salonfähig machen zu können. Die Idee, die Demokratie zu diskreditieren, indem man sie als Mittel zur heimlichen Vorbereitung einer globalen Diktatur denunziert, ist ebenfalls nicht neu. Schon die "Protokolle der Weisen von Zion" operieren mit diesem Trick, der den Kampf gegen die Demokratie als Verteidigung der Freiheit erscheinen läßt. Dieses Machwerk ist der historische Vorläufer und das idealtypische Musterbeispiel der verschwörungstheoretischen Weltanschauung wie sie in aktualisierter Form von den selbsternannten "Infokriegern" vertreten wird. Auch wenn "Infokrieger" also gerne behaupten, sie kämpften doch für "die Wiederherstellung der Demokratie", so darf man das Entscheidende nicht übersehen: der demokratische Staat und seine Institutionen werden von ihnen samt der innerhalb dieses Systems praktizierten Formen demokratischer Willensbildung radikal abgelehnt. So wird auch durchaus berechtigte Systemkritik durch den verschwörungstheoretischen Diskurs der "Infokrieger" in eine hoffnungslose Sackgasse aus Totalverweigerung und extremistischer Fundamentalopposition gelenkt und dort mit einem unterschwellig faschistischen Weltbild verwoben. "Wiederherstellung der Demokratie" heißt für sie: Abschaffung des "Systems". Ihre Vorstellung von "Demokratie" ist eine Utopie von einer heilen Welt der Volksgemeinschaft, die nun mal in der geistigen Tradition des Faschismus steht, auch wenn viele heutige Verfechter dieser Vorstellungen offenbar tatsächlich zu einfältig sind, um diese Verbindung zu erkennen und deshalb den gegen sie erhobenen Faschismusvorwurf in aufrichtiger Empörung als unbegreifliche Infamie und böswillige Unterstellung zurückweisen. Dabei sollte man nicht vergessen, zu differenzieren zwischen jenen "Infokriegern", die die einschlägigen Thesen lediglich rezipieren und als gläubige Propagandisten weiterverbreiten, und den Autoren, die diese Szene mit Material versorgen. Letzteren wird man weniger Naivität unterstellen dürfen, zumal ihre Elaborate offenkundig ganz bewußt und skrupellos manipulatorisch angelegt sind. - Totalitarismus: |









